Bitte aussteigen, die Familienzeit endet hier. Eine Weiterfahrt ist nicht geplant.

 

 

So, es ist real.

Es ist nicht wie anderes Erlebtes, das spüre ich ganz deutlich. Das (letzte) Kind ist ausgezogen. Die Kinderrolle wurde beim Umzug nicht mitgenommen und damit fragt sich, was mit der Elternrolle geschieht?

Elternteil bleibst du, allerdings nur noch als stiller Teilhaber. Du bist raus aus dem aktiven Tagesgeschäft, wo die Klingel an der Tür noch allen galt.

Da stehst du nun und winkst guteswünschend hinterher, was bedeutet: du bleibst zurück. Endgültig amtsenthoben.

Erst mal guckst du lange nach, begreifst nicht, warum du winken sollst.

Dann drehst du dich um und schaust, ob alles andere jetzt auch weg ist? Ist es nicht. Deine Welt ist wie immer, nur dass sich ein Merkmalkomplex daraus abgekoppelt hat. Das irritiert dich. Du schaust noch mal genauer hin und stellst fest, dass du das Vertraute auf einmal anders ansiehst. Was genau ist dir da vertraut, warum ist es vertraut geworden? Seit wann? Deine Welt ist doch nicht wie immer.

 

Bitte einsteigen, der Zug fährt zurück.

Haltestelle Vergangenheit. Zu irgendeinem Zeitpunkt bist Du Mutter geworden. Davor warst Du Einzelmensch mit Vornamen, danach wurdest Du Zweimalmensch mit zwei Vornamen. Unlösbar. Auf Schritt und Tritt läuft ein Menschlein mit. Du baust Deine Welt um, damit sie für beide passt. Mindestens für beide. Dein Vorname steht an der Klingel, der Vorname deines Kindes auch. Die Unlösbarkeit der Mutter-Kind-Sache erhält seine Ewigkeit und ohne es zu merken, beziehst du die Äußerlichkeiten in diese Ewigkeit mit ein. Du betrittst damit die berühmte „Familienphase“, aber Phase ist ein leerer Begriff, wenn Ewigkeit mit im Spiel ist.

Viele viele Jahre gehen ins Land, der Einzelmensch hat seine Zeit abgezweigt, um sie der Familie zur Verfügung zu stellen.

 

Jetzt bitte wieder einsteigen, der Zug fährt vor.

Du schaust noch mal in Richtung deines weggegangenen Kindes und dann nach vorn. Du bist der Drehpunkt in dieser Besetzung. Du. Stimmt, du. Es ist verblüffend, man selbst. Auch das fühlt sich fremd an. Ich sehe auf mich wie auf eine andere Person. Ich werde regelrecht greifbar. Ja stimmt, die Erinnerung kommt ganz langsam, das war ich auch mal… der Einzelmensch mit meinem Vornamen.

Es wird Raum frei, der vorher gefüllt war. Ganz neutral. Er öffnet sich Stück für Stück, nicht von jetzt auf gleich. Es fängt mit dem Ausbleiben einer Gegenwart am Mittagstisch an. Das wäre dann äußerlich. Innerlich bedeutet es, dass man sich auf niemanden einlassen braucht. Was macht man, wenn man alleine am Mittagstisch sitzt? Naja, man deckt ihn vielleicht gar nicht erst, kommt einfach später. Oder man kocht nicht mehr die Schnittmenge sondern das, was man selbst am liebsten isst. Da fängt es an, spürbar zu werden, dass ich mehr vom Raum fülle. Mein Essen, meine Zeiteinteilung.

 

Reset. Back to the roots. Beinahe.

Deine Zeituhr ist nämlich weitergelaufen. Das berühmte Merkmal „Familienphase“ ist beendet. Bedeutet, das Zeitkontingent der Einzelperson mit Vornamen ist geschrumpft, was du ungläubig überhaupt nicht fassen kannst. Der Einzelmensch fühlte sich vor der Zweimenschphase schließlich zeitlos unsterblich, wie es alle junge Menschen tun. Das war deine Realität, als Du in die Zweimenschphase eingetreten bist. Sie ist heimlich Realität geblieben. Aber jetzt? Zeit! Zeit weg. Zeit gibt´s? Zeit gibt´s! Für einen Moment legst du einen sensationellen Zeitrutsch hin, deine Mittvierziger fühlen sich an wie der Eintritt ins Greisenalter.

Dann die nächste Neuentdeckung eines eigentlich bekannten Zusammenhangs: du bist seit Zweimenschbeginn tatsächlich auch zweizugig gefahren, weshalb es jetzt einerseits möglich ist, dass einer der Züge abbiegt und jene Weiche nimmt, die du nicht nehmen kannst, andererseits fühlt es sich enorm fremd an, dass einer der Züge deiner ist und du nun alleine auf dem Gleis weiterfährst.

Langsam wird ein Schuh draus: ein Zug hat abgedreht, der andere ist deiner. Wohin darfs denn gehen? Alles ist möglich. Muss nicht mehr das Kinderparadies sein.

 

Dann vollzieht sich folgendes:

  1. Erst einmal bleibst du stehen. Der donnernde Zug durch die Familienphase bleibt einfach stehen. Ein großes „Hä!?“ füllt dich aus.
  2. Dann durchwanderst du deine Erinnerungen an früher. Das, wo dein Kind gerade anfängt, dort fängst du auch wieder an… zu suchen. Nach Altvertrautem, nach einstigen Freuden, Zielen, Parolen, nach dir, nach einem Anknüpfpunkt.
  3. Dann gleichst du deine Selbstwiederentdeckung mit dem Wissen von heute ab.
  4. Du entdeckst, dass du nie mehr die sein wirst, die du vorher mal warst. Brauchst sie also gar nicht abzuholen. Es gibt sie nicht mehr.
  5. Aber irgendwas gibt es immer noch. Das ist deine innere Wesensstimme. Zeitlos und unveränderbar.
  6. Du hörst hin, ganz intensiv, lauschst. Und plötzlich kommt es durch, wie eine Gestalt aus dem Nebel. Freude! Echte Freude kommt auf: es gibt „dich“ immer noch. Und man ist erst Mitte Vierzig, weit vom Greisenalter entfernt. Plötzlich wird dein Wissen von heute ein Vorteil, denn du kannst viel gezielter dein „du“ durch die Zeit führen, als du es als junger planloser Mensch konntest.
  7. Da sitzt du also am Steuerpult deiner Lok und hast alle Hebel in der Hand, die du brauchst, um die Lok in Gang zu bringen. Du alleine darfst aussuchen, wohin es geht, mit dir.

Wisst ihr was? Genau in der Phase bin ich jetzt. Ich habe die Hebel in der Hand und freue mich über die ersten kleinen Ausflugsfahrten, damit ich üben kann, wie es ist, den Zug wieder alleine in die ganz eigene Richtung steuern zu dürfen. Wie früher.

Die Sachzwänge sind andere geworden, die sozialen Strukturen auch. Aber ich kann ja überlegen, was davon ich so fortführen möchte und was ich doch lieber mal ändere, weil: Zeit existiert tatsächlich! Und wenn es schon mein Zug ist, gehört er schließlich auch auf mein Gleis gesetzt. An andere Züge einfach dranhängen gilt nicht.

 

Epilog

Ich kann verstehen, dass in dieser Phase manche Ehe auseinandergeht. Dann ist es aber auch gut so, jeder Zug muss auf seinem richtigen Gleis fahren, sonst fährt er das Leben eines anderen ab und wird sich darin nicht wiederfinden.

Sollte man aber entdecken, dass die Gleise des Partners parallel verlaufen, ist es ein Geschenk. Und eine Verpflichtung, schön auf seiner Schiene zu bleiben, damit es nicht zur gemeinschaftlichen Entgleisung kommt.

 

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