rien ne va plus

Es ist der 9. Tag. Die Sonne scheint, spontan packen wir die Sommerkleidung aus und schwingen uns nach einem ausgiebigen Trockenbrotfrühstück auf die Räder. Aber es dauert nicht lange, da packt Sandra die Sommerklamotten wieder ein und ihre Winterklamotten aus. Ihr ist kalt. Nachdem sie alle (ich sage und meine wirklich alle) Winterkleidungsstücke am Leib trägt (inkl. Daunenweste), fahren wir weiter. Doch recht bald halten wir wieder an. Es reicht nicht. Sandra friert immer noch. Also zieht sich noch meine Klamotten drüber, inkl. Daunenjacke. Spätestens jetzt steht fest: krank! Mit Halsschmerzen, Schüttelfrost, Gliederschmerzen, Fieber. Ihr Grippeinfekt vom 1. Tag ist mitgefahren.

Weit kommen wir damit nicht, 40 km, um genau zu sein. Danach steigt sie vom Rad, setzt sich in Conegliano an den Straßenrand und wartet einfach darauf, dass irgendjemand sie in irgendein Bett bringt. So auf die Schnelle ist nur das „wir nennen den Namen des Hotels nicht, weil es nur negative Kritik bekommen würde“ frei. Sandra bringt sich unter kochendheißem Wasser zurück auf Betriebstemperatur und geht dann um 14 h für 14 Stunden schlafen.

Die 14 Stunden enden um 4.00h morgens. Sandra isst die restliche Pizza, die ich ihr im Tiefschlaf mitgebracht habe und wartet auf den neuen Tag. Sie ist wieder unter den Lebenden.

noch 2 x 50 km

Es heißt, es soll Hochwasser in Venedig geben, wir hoffen, Glück zu haben und mit trockenen Füßen rüberzukommen. 2 x 50 km haben wir uns zurechtgelegt, damit dürften wir gut ankommen in Anbetracht von Sandras Zustand. Wir fahren über windige Felder, passieren Ortschaften mit lila Rädern, bemerken die Vorliebe der Italiener für hysterische Kleinhunde und nach 58 km ist endgültig das Ende der Dolomitenetappe erreicht.

die Gärten Venedigs

So heißt die neue, die letzte Etappe. Klingt vielversprechend. Und macht ihrem Namen alle Ehre. Ab jetzt fahren wir nur noch am Fluß entlang der herrlichsten Gärten und inzwischen beginnt sich unsere rheinländische Vorstellung vom März mit der hiesigen Realität zu decken. 14°C, die Bäume blühen, die Blumen tragen bunte Knospen. Langsam wird ein Schuh draus. Wir sind glücklich. So könnten wir noch jahrelang fahren. In Treviso halten wir an. Das sollte man auch unbedingt, denn Treviso ist eine wunderschöne Stadt, mit viel Kreativpotential und der Aura von inspiriertem Leben. Hier werden wir später wohnen.

Weil es so schön ist und wir nicht aufhören wollen zu fahren, erweitern wir die geplanten 50 km auf gefahrene 74 km. In Casale sul Sile finden wir ein hübsches B&B. Perfekt, eingecheckt, essen gegangen, eingeschlafen.

echt jetzt… nach 631,2 km: geschafft!

Venedig, wir kommen!

Dummerweise ist es verboten, mit dem Fahrrad nach Venedig rein zu fahren. Also versuchen wir, nach Santa Lucia zu kommen und dort die Räder am Bahnhof aufzugeben. Guter Plan, schlechte Wege.

Der erste Weg führt über die gefährliche Schnellstraße. Busse dürfen uns nicht mitnehmen. Perfekte Wahl für Lebensmüde.

Der zweite Weg bedeutet, im dubiosen Bahnhof Mestre die Räder abzugeben und von dort den Zug nach Santa Lucia zu nehmen.

Wir entscheiden uns für die Option 2. Aber die Räder lassen wir trotzdem nicht dort. Die Gestalten am Bahnhof sind gruselig und wachsam. Stattdessen hier unser Tipp für Nachradler:

  1. bittet im Hotel Casa Villa Gardenia“ ganz freundlich die Räder in deren Schuppen abstellen zu dürfen. Die Besitzerin ist superfreundlich und verlangt nur 5€ dafür. Wir geben lieber 10€.
  2. geht zu Fuß zurück zum Bahnhof (sind nur ein paar hundert Meter)
  3. zieht im Hauptgebäude (ja, ihr müsst durch den langen bepissten Tunnel) eure Tickets, da es am Bahnsteig keine Automaten gibt (H&R: nur 2,50 € / 2 Personen)
  4. und wartet auf Gleis 8 auf einen der im 10-Minuten-Takt fahrenden Züge nach Santa Lucia.

Venedig, da sind wir!

Wie zwei Stadtstreicher stehen wir auf geheiligtem Boden, kniepen in die Sonne, reißen uns die Jacken vom Leib, es ist Sommer! Patrick hat uns im Vorfeld schon das für venezianische Verhältnisse günstige BudgetHotelSan Samuele“ in Zentrumsnähe gebucht. Und von dem möchten wir ein bisschen erzählen, denn das haben die Damen des Hauses wahrlich verdient.

Es ist nämlich so. Kaum, dass wir venezianischen Boden betreten haben, klingelt Patricks Telefon. Patrick geht verdutzt dran und es meldet sich Tatjana vom Hotel San Samuele um zu fragen, wo sie uns abholen könne? Warum? Weil sie nett ist und uns nicht suchen lassen möchte. Wow!

Als nächstes werden wir von der Hausherrin aufs sympathischste begrüßt und erfahren von unserem kostenlosen Zimmer-Upgrade, da das Hotel derzeit saniert werden müsse (in Vendig ziehen sich die Mauern mit der Zeit voll mit Wasser, ein ewiger Erhaltungsprozess – gut, wer es tut). Wir erleben einen unglaublichen Servicegedanken von beseelten Frauen, Professionalität im Umgang mit jeder Unregelmäßigkeit und das imponiert uns. Dass uns der Ausblick verhangen ist, ist uns egal, wir sind eh draußen. Das hübsche Hotel bietet übrigens auch für kleines Geld Selbstkochmöglichkeiten. Sehr attraktiv für Venedig, wo es doch so einen tollen Frischfischmarkt in der Nähe gibt!

Bierchen & Anekdötchen

Tja, was macht wohl ein Patrick als erstes, wenn er wo ankommt? Richtig. Er geht ein Bierchen trinken, während ich derweil im Hotel bleibe, um mich endlich mal frisch zu machen. Weil die Sonne scheint, weil er im Urlaub ist, bestellt er sich ein großes Bier. Bekommt er. 1 l groß, in praller Sonne. Junge, ist der gut gelaunt, als er zurück ins Hotel kommt. Blöd für ihn, dass er mich vorher versehentlich eingeschlossen hat und eine kältemüde-licht-wärme-und-sonnenhungrige Sandra nach 2 Stunden Eingeschlossenseins tatsächlich keinen Sinn für Humor mehr zeigt. Das Gute daran, jetzt gehen wir shoppen – er bezahlt! (Spoiler: ich habe mir das größte Eis am Markusplatz bestellt und wer die Preise kennt…)

Patricks Handy klingelt ein zweites Mal

Überraschungsbesuch Am Telefon meldet sich eine Überraschung. Es ist ein Brautpaar, das wir dieses Jahr fotografiert haben, es erkundigt sich ganz freundlich nach unserer Reise. Wir versichern überschwenglich, gut angekommen zu sein, wollen gerade anfangen zu erzählen, da unterbrechen sie uns… „Lass uns doch zum Abendessen treffen, dann könnt Ihr weitererzählen. Wir sind Euch nämlich hinterhergekommen“!

Wow, das war echt cool! Wir mögen Spontaneität und dass sie uns „hinterhergereist“ sind, venedig-67ist ein echtes Highlight! Also treffen wir uns zum Abendessen im Geheimtipp vom wahnsinnsnetten Mann aus Teil 4, in der „Osteria Al Mascaron„, und gehen abschließend noch mit feucht-fröhlicher Laune in JeJö´s Hotelbar. So, und jetzt recherchiert mal auf www.schnappschuetzen.de, wen wir da vor uns haben. (Spoiler: es sind Jenny & Jörg aus Berlin)

Und nun erzählen die Bilder weiter

Es geht zurück nach München

HämathomNach 3 Tagen nehmen wir den Wasserbus nach Ferrovia, gehen zu Fuß rüber zum Bahnhof Santa Lucia, steigen in den Zug nach Venezia Mestre, holen unsere Räder ab, setzen uns dann in den Zug nach… em, stop! Erst kommt ja noch Sandras Unfall! Ja, wir haben einen Unfall, sonst haben wir ja nix zu erzählen. Wir gehen also am Bahnsteig entlang, die Räder führen wir an der Hand, als Sandra die Balance verliert und seitlich auf ihr Rad stürzt. Das ist eigentlich auch schon alles. Allerdings mit bleibenden Erinnerungen…

Dann endlich steigen wir auf Gleis 6 in den Zug nach München, erreichen Unterhaching mit der S-Bahn erst viel zu spät nachts, haben Hunger, versuchen es erneut im Kammerloher und werden dort tatsächlich noch bewirtet?! Und wie! Der Inhaber und Koch gibt buchstäblich alles, um uns glücklich zu machen, inkl. einer richtig netten Unterrichtung in der Tradition der dortigen Maibaumwache. Am nächsten Morgen bepacken wir unser in Unterhaching abgestelltes Auto und fahren heim nach Köln. Diesmal in die Blümchenwiesen…

Danke! Es war richtig schön. Wir werden nun der Welt erzählen, wie man sich eine Radtour von München nach Venedig im März vorstellen kann.

Ob wir es empfehlen können?

Es gehört schon ein gutes Quäntchen Glück dazu, die Alpen und die Dolomiten im März mit den Rädern durchqueren zu können. Denn es gab einige Stellen, an denen wir ohne dieses besagte Quäntchen Glück eindeutig die Reise hätten abbrechen müssen. Wer das Abenteuer sucht, wird es zu der Jahreszeit sicher finden. Ihr merkt es an der Zahl der Leute, die Euch den Vogel zeigen. Wer es aber lieber etwas planbarer hat, sollte noch einen Monat mit der Tour warten.

The End! Das wars! Finito! Bis zum nächsten Mal!