„Irgendwann geht es halt los“, hat mein Vater mal gesagt. Dann erreichen die Vorderen ein Alter, wo sie sich verabschieden. Mitunter verfolgt er die Geburtsdaten in den Sterbeanzeigen und bemerkt, dass sie dem eigenen Geburtsdatum näher kommen.

Bisher hat es mich nicht oft betroffen. Meine Oma, mein Opa sind damals gestorben, als uralte Menschen mit einer 9 davor. Vor wenigen Jahren ist meine Freundin an Krebs gestorben, mit nur einer 4 davor, das war etwas anderes und macht mich bis heute traurig.

Aber gestern ist wieder jemand gestorben, der mal eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hat. Es ist der Opa meiner Tochter, der Vater meines ehemaligen Partners, als ich ganz jung war. Wir mochten uns. Wir blieben in unregelmäßigem Kontakt.

Heute bin ich ganz nach innen gekehrt. Es arbeitet, ich tue das, was man trauern nennt. Ich muss schreiben, um es zu verarbeiten.

Für mich ist das Leben ein Spiel. Wir betreten das Spielbrett Erde, wählen eine Figur, setzen uns die Mitspieler zusammen, spielen, mal mehr und mal weniger lustvoll, lernen uns und das Spiel noch besser kennen: in all seinen Facetten. Wir sind Menschen, die ein Leben spielen, in aller Ernsthaftigkeit, dass man meinen könnte, es wäre das Ausschließliche. Ist es auch, für die Dauer des Spiels.

Jeder einzelne Mitspieler gehört dazu. Wir teilen uns immerhin einen Spielplan. Und in menschlicher Zeit gerechnet ist das eine Menge Zeit, die wir zusammen verbringen. Ich empfinde die gemeinsame Zeit und die Geschehnisse darin immer wieder als ein Wunderwerk. Es macht mir Gänsehaut.

Mir ist jeder einzelne wichtig. Ohne sie wäre das Spiel nicht dasselbe, egal, in welcher Rolle. Selbst wenn sie nur Statisten sind, die man aus den Nachrichten kennt. Manche spielen eine direktere Rolle.

Wenn ein Mitspieler das Feld verlässt, ist die Gruppe nicht mehr vollständig. Wenn man denjenigen sehr mochte, spürt man es sehr deutlich.

So ein Mitspieler ist gestern gegangen, er ist zu seiner richtigen Zeit gestorben. Mit dem Tod meiner Freundin fehlt ein Fragment meines Lebensspiels, es defragmentiert sich nun ein weiteres Mal.

Teile lösen sich und gehen. Ich bin dankbar, ich bin traurig, ich bin irritiert, mir wird bewusst, dass jedes Spiel nicht ewig gehen kann. Es rückt näher, die Vorderen verlassen das Spielbrett und ich spüre, dass ich unendlich traurig darüber bin, denn ihren Anteil in meinem Leben schätze ich sehr wert. Natürlich ist es ok, das Spiel zu verlassen, das ist Teil eines noch größeren Spiels. Aber es gehört nunmal zum kleinen Spiel, dass man den Verlust spürt und das bedeutet: ich vermisse ihn hier und es macht mich traurig. Es verändert das ganze Spiel.

Für ihn bin ich froh. Er hatte auch Krebs und zum Schluss spürte man seine Anstrengung im Aushalten dessen. Seinen kranken Körper hat er nun endlich ablegen können.

Allem ganz voran aber: er war halt ein wunderbarer Mensch. Mit urigem Humor und sympathischem Eigensinn. Uns verbindet eine intensive Zeit und eine gemeinsame Verwandte: seine Enkelin, meine Tochter.

Deshalb: Danke.

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