Auslandsjahr 1990

Auslandsjahr: ein Selbstgespräch

Wie die Kinder- und Elternrolle in mir um gegenseitiges Verständnis werben

Ich selbst in der Kinderrolle

Als ich damals mit 19 nach dem Abi für ein Jahr in die USA ging hatte ich nicht den geringsten Zweifel, mit den Situationen dort klar zu kommen. Meine Eltern dagegen liefen noch voll im Beschützermodus – für mich damals nicht verstehbar, denn ich dachte „sie müssen doch wissen, was ich kann“. Ich kannte die Eigenheiten der Elternrolle ja noch nicht.

Ich sollte damals in einer Familie leben, die ich noch nicht kannte. Ich wusste nicht, was mich erwartet, ob wir uns überhaupt verstehen würden. Und was, wenn nicht, was dann? Diese Fragen habe ich mir nicht gestellt, meine Eltern dagegen trieb es nachts um.

Drei Monate lang lebte ich bei dieser Familie, dann trat der Fall der Fälle ein: wir passten wirklich nicht zusammen. Die Familie wollte mich wieder zurück nach Deutschland schicken, ich aber wollte gegen den Willen der Familie um jeden Preis noch in den Staaten bleiben. Also hörte ich mich um, ob nicht irgendwo irgendwer Platz für mich hat. Der gute alte Buschfunk, das Prinzip Vitamin B, es funktioniert immer – und überall. Auf mich selbst gestellt setzte ich mich in einem fremden Land durch. Das prägt.

Kurz vor Weihnachten wechselte ich zur neuen Familie, erzählte meinen Eltern erst mal nichts davon, und wollte sie dann an Weihnachten anrufen. Aber sie kamen mir zuvor und als sie mich unter der alten Adresse nicht mehr erreichten, war die Panik da. Mein Vater schickte meine Mutter mich abzuholen / zu retten, meine Mutter kam, aber nur, um Urlaub zu machen. Sie sah, wie gut ich zurechtkam. Wie selbstverständlich gut ich zurechtkam. Mein Verstand funktioniert auch auf einem anderen Kontinent. Ihre Worte zu meinem Vater, als sie ohne mich zurück kam: „die braucht uns nicht mehr“.

Ich selbst in der Elternrolle

Heute bin ich in der Rolle der Eltern, meine Tochter geht mit ihren jungen 18 Jahren nach Afrika / Tanzania und ich erlebe dieselbe Situation, nur andersherum. Mich durchfluten dieselben Gefühle wie meine Eltern damals, und heute kann ich sie nachvollziehen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieselben Gedanken haben würde, schließlich weiß ich es aus eigener Erfahrung doch besser. Mir war was zuzutrauen, und meiner Tochter ist auch was zuzutrauen.

Jetzt aber spuckt mein Kopf so Töne aus wie: Natürlich ist es NICHT dasselbe, weil Afrika ist nicht Amerika, damals war alles noch sicherer als heute…. blabla. Es sind glasklare Schutzbehauptungen, buchstäblich. Ich war während des Golfkrieges in Amerika, in Tanzania dagegen ist es ruhig.

Wie kommt es also, dass ich wider besseren Wissens heute so tue, als wäre meine Tochter lebensunfähig?

Wenn ich bedenke, wie naiv ich damals war, wird mir heute schlecht.

Ich ertappe mich dabei, dass auch ich denke: Mein Gott, sie kennt die Gefahren doch nicht! Sie kennt doch nur die heile Welt. Mein Beschützerinstinkt ist stolz auf sein Argument, weil da definitiv etwas dran ist!

Die Stimme der Erfahrung kontert jedoch mit einem noch besseren Argument: Muss sie auch nicht. Sie lernt sie kennen, wenn sie ihnen begegnet und passt sich blitzschnell an. Wie ich es damals auch getan habe. Als ich z.B. mit langen blonden Haaren, kurzem Rock und Spiegelreflexkamera um den Hals versehentlich durch Harlem lief, weil ich ins Museum wollte.

Das Problem ist der Spekulationsspielraum.

Während ich damals selbstverständlich „ich“ geblieben bin, meine Augen und Ohren und sechsten und siebten Sinne mir Informationen aus der Umwelt lieferten, auf die ich sofort mit allen Fähigkeiten reagierte, waren meine Eltern zuhause „blind“. Sie sahen nicht was ich sah, sie spürten nicht, was ich spürte. Ihnen blieb nur Spekulationsspielraum, in dem alles möglich war, und in dem sie nichts aber auch gar nichts ausrichten konnten. Erlebte Macht- und Hilflosigkeit pur. Schlimmer Zustand. Es bleibt einem nichts als blind zu vertrauen.

Was Eltern wissen sollten

… wie flexibel ihre Kinder sind. Wie viel mehr sie auf einmal wissen, wenn sie es abrufen müssen, wie anpassungsfähig sie sind und wie schnell sie lernen. Wenn sie sich zu Hause auch mitunter anstellen als fehlte ihnen die Masse zwischen den Ohren, so weiß ich jetzt: das war Trägheit. Es war nicht ihre Rolle, bestimmte Dinge zu können, also konnten sie es auch nicht. Ich denke nur an die furchtbaren Kochversuche.

Diese eigene Auslandsjahr-Erfahrung hat mir manches Mal geholfen, kühlen Kopf zu bewahren, wo ich als Mutter in meinem Spekulationsgemälde überall böse Buschmänner, Löwen, Umweltkatastrophen, Unfälle und Krankheiten hineingemalt habe.

Achtung: Game-Spoiler

Jetzt kommt´s… Was ich nicht wusste: in der Zeit, wo ich mir als Mutter das Schlimmste ausmalte, geschah es auf eine Weise sogar tatsächlich, nur war meine Tochter eben nicht so machtlos wie ich.  Meine Tochter erkrankte z.B. tatsächlich an Malaria, aber sie behandelte es, hielt es einfach aus und wurde wieder gesund. Und erzählte mir nichts davon.

Es ist besser, wenn man als Zurückgebliebene nicht alles weiß. Besser ist, man vertraut auf die Überlebensfähigkeit seines Kindes, und die ist aus eigener Erfahrung deutlich höher, als man als Eltern glauben mag. Harlem erinnert mich jeden Tag daran.

Restrisiko

Das Leben ist nicht versicherbar. Es bleibt immer ein Restrisiko. Dinge können passieren, schlimme Dinge. Immer und überall. Jedem. Aber es ist nicht die Regel. Diese Einseitigkeit der dringenden Gefahr vermitteln uns gerne die Medien, die von diesen Mitteilungen leben. In aller Regel passiert nichts. Oder nichts, was nicht überlebbar wäre. Schlimm ist, wenn es doch passiert. Aber dagegen kann man sich nicht schützen.

Man muss also für sich akzeptieren: wenn man einen Menschen in die Welt setzt, so ist er den Regeln der Welt ausgesetzt. Es führt kein Weg daran vorbei. Selbst nicht, wenn man diesen Menschen im Atomschutzbunker einschließen würde. Denn dort würde dieser Mensch kreuzunglücklich und depressiv werden.

Wenn wir jedoch diesen Menschen lieben – und das tun wir – wollen wir genau das vermeiden, oder? Wir tun doch alles, dass dieser geliebte Mensch so glücklich wie nur eben möglich wird.

Also bleibt uns nichts anderes, als ihn frei zu lassen und ihn das große Glück erleben zu lassen, sich zu fühlen, in allen Lebenslagen. Dazu gehören auch Tiefschläge, deren Tränen jedoch nicht zwangsläufig Katastrophe signalisieren sondern tatsächlich auch wieder Lebensqualität bedeuten können. „Ich fühle, also lebe ich“.

Meine Tochter akzeptiert das Restrisiko ganz bewusst und wirft sich ins Leben. Das hilft mir, ihre Entscheidungen anzuerkennen und ihnen zu vertrauen.

Auch ich akzeptierte es damals ganz bewusst, als ich mich ins Leben stürzte. Um keinen Preis hätte ich echtes Leben gegen Scheinsicherheit eintauschen wollen. Und tue es heute noch nicht. Echtes Leben beginnt, wo wir die Komfortzone verlassen. Je mehr wir es üben und Selbstverantwortung aufbauen, desto größer wird unser freier Lebensradius.

Fakt ist…

Verlasst Euch darauf: auch Eure Kinder haben ein vitales Interesse daran, am Leben zu bleiben. Sie passen naturbedingt selbst auf sich auf, wenn sie auf sich selbst gestellt sind. Selbst die Chaoten.

Deshalb ist ein solches Auslandsjahr auch so wichtig für ihre Entwicklung. Es macht sie zu selbstbestimmten und verantwortungsBEWUSSTen Menschen. Ganz aus sich selbst heraus.

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