Pilgern auf dem St. Olavsleden

(Translation into english? please use deepl)

Kennt Ihr den St. Olavsleden? Nicht? Aber den Jakobsweg kennt Ihr, oder?

Der St. Olavsleden ist das nordische Pendant zum Jakobsweg. Kaum jemand kennt ihn schon, doch das möchten wir hiermit ändern helfen. Der St. Olavsleden, oder auch der Olavsweg, ist rund 540 km lang und führt von Selanger an der Ostsee (genauer: Bottnischer Meerbusen) in Schweden quer durch Schweden und Norwegen bis nach Trondheim an der Nordsee. Wir werden jedoch nur eine Teilstrecke des St. Olavsleden gehen, nämlich die ersten Etappen von Selanger bis Borgsjö.

Warum wir diese Pilgerreise unternehmen

Eigentlich wollten wir nach dem verregneten Sommer im September 2021 endlich mal wieder in die Sonne fahren, nach Griechenland, mit Vinnie Bomba, unserem geliebten kleinen Ersatz-Zuhause.

Anfang des Sommers jedoch meldete sich eine Organisation bei uns, die sich mit der Entwicklung bzw. der Steigerung der Bekanntheit des Pilgerweges St. Olavsleden beschäftigt. Aufgespürt wurde unser Reiseblog von Andrea Susanne Opielka, die sich als helfende Hand in Deutschland nach geeigneten Partnern umschaut. Sie selbst ist professionelle Pilgerbegleiterin und hat uns zur optimalen Vorbereitung ihren Reiseführer zukommen lassen.

Die Unterkünfte hat die schwedische Projektleitung für uns organisiert (vielen Dank dafür!). Man findet Unterkünfte aber auch bequem über online-Dienste, die Herbergen von B&B, Hostel bis Campingplatz anbieten. Oder man erkundigt sich im Pilgrimcenter vorab.

Wer ist, bzw. war, eigentlich St. Olav?

Der Olavsweg zeichnet ziemlich genau den Weg nach, den der (später heiliggesprochene) Norwegerkönig Olav mit 300-400 Getreuen im Jahr 1030 genommen haben soll, um aus dem Exil nach Norwegen zu gelangen und in Norwegen seinen Platz als König von Norwegen zurückzuerobern und das Reich im christlichen Glauben zu einigen. Das Vorhaben misslang und Olav fiel noch auf seinem Weg 1030 in der Schlacht von Stiklestad in der Nähe Trondheims. Olav wurde heiliggesprochen und der Weg blieb.

Das Besondere am St. Olavsleden ist, dass es sich wirklich um den Originalweg handelt, den damals St. Olav mit seinem Gefolge gegangen ist. Kein Ausweichweg, kein Drumherum. Man wandert buchstäblich in den Schuhen des Königs Olav.

Mittlerweile wurde der Weg zu einem gut begehbaren Pilgerweg ausgebaut und mit einem extrem guten Wegleitsystem professionell beschildert. Allerdings ist man noch weit von einer Bekanntheit entfernt, die es mit dem Jakobsweg aufnehmen könnte und so hat man sich zum Ziel gesetzt, ihm etwas unter die Arme zu greifen – unter anderem mithilfe von Reisebloggern, die ein Stück des Weges bepilgern und über das Erlebte berichten. Und da kommen wir ins Spiel.

Zwar haben wir keinerlei Erfahrung mit sechstägigen Wanderungen von rund 100 km, aber wir haben so große Lust, die Aufgabe zu übernehmen, dass wir Griechenland Griechenland sein lassen. Also fahren wir, ohne Vinnie Bomba, 1.800 km mit dem Auto hoch nach Selanger an den Bottnischen Meerbusen.

Pilgern oder Wandern…

Wo ist der Unterschied? Um ehrlich zu sein: hierauf gibt es keine wissenschaftliche Antwort. Wir vermuten, die Einstellung macht einen Wanderweg zum Pilgerpfad. Aber genau das wollen wir herausfinden.

Reisezeit: September

Wir fahren am Sonntag, 5.9.2021 in Köln los, erreichen Selanger – mit einem Zwischenstop auf Fehmarn und einem in Stockholm – am Dienstag 7.9.21 und treten unsere Pilgerreise am Mittwoch 8.9.21 bis zum Montag 13.9.21 an.

linke Spalte Sandra – rechte Spalte Patrick

Zwar wandern wir zusammen. Dennoch schicken wir eins vorweg: Pilgern macht mit jedem etwas anderes, obwohl es derselbe Weg ist. Deshalb möchten wir unsere Eindrücke getrennt voneinander beschreiben.

Also: zwei Spalten!

Ankunft Selanger

  • 1. Etappe Selanger-Matfors-, das Zeichen für den Olavsleden

Ab jetzt heißt es: hier entlang!

Nach unserer Ankunft verbringen wir unsere erste (Pilger-) Nacht in Lilla Äppelgarden (Kleiner Apfelgarten) bei Emily & Patrick und ihren beiden Söhnen, einer sehr herzlichen jungen Familie. Sie stellen ein hübsches Zimmer ganz in der Nähe des Ausgangspunktes des Olavsleden zur Vefügung und verwöhnen uns gleichzeitig mit einem typisch schwedischen Abendessen mit Lachs – und auf Wunsch – auch mit einem Frühstück und einer Wegzehrung.

Am nächsten Morgen stellen wir unser Auto auf dem Parkplatz des Pilgrimcenter Selanger ab, ein umgebauter Bauernhof von 1907, das frisch restauriert im Jahr 2017 eröffnet wurde und allen Pilgern eine erste Anlaufstelle bietet. Hier können sich die Pilger umfassend über den St. Olavsleden und seine Geschichte informieren, Kaffee, Kucken, Sandwiches und Wasser auftanken und, mit ein bisschen Glück … Helen kennenlernen. Helen leitet das Pilgrimcenter. Sie ist unglaublich witzig und warmherzig und außerdem die evangelische Diakonin hier. Helen mag ihren Job, das erkennt man ziemlich schnell an ihrem Engagement und dem interessanten Hintergrundwissen aus erster Hand.

Wir erfahren außerdem, dass sie lange Jahre in Deutschland gelebt hat. Wo? In der Nähe Kölns. In Pulheim, um genau zu sein… also wirklich nur 10 Minuten von uns weg. Unglaublich….

Und dann starten wir: gleich an der neuen Kirche in Selanger, die die über die Jahre verfallene ursprüngliche Kirche abgelöst hat. Ihre Grundmauern sind erhalten geblieben.

1. Etappe: Selanger – Matfors, 16 km

Sandra Jardin

S: Es geht gut los

Die Sonne scheint und es sind 22 °C. Und wir stehen am Anfang unserer Wanderung. Ich weiß nicht, was es wird und was es mit mir macht. Ich bin noch nie mehrere Tage am Stück gewandert, geschweige denn gepilgert. Helen vom Pilgrimcenter sagt, dass vor allem Deutsche, Niederländer und Belgier den St. Olavsleden suchen und lieben, denn sie leben in dichtbesiedelten Gebieten und brauchen dringend Abstand. Sie sagt, dass viele von ihnen Klarheit in den Gedanken finden, manche hören vielleicht die Stimme Gottes.

Mein erster Pilgertag beginnt bei gutem Wetter mit einem leckeren Frühstück. Ich starte als erwartungsfreies Blankoblatt in dieses Abenteuer. Ich will gar nichts vom Tag, außer ihn genießen. Ich bin hier. Ich spüre den Rucksack auf meinem Rücken, schaue meinen Wanderschuhen beim Laufen zu, spüre nach, wie sich mein Körper anfühlt, und gebe mich dann ganz unbefangen der Wahrnehmung meiner Umgebung hin. Wir haben Zeit. Ich gehe ganz langsam, Schritt für Schritt. Bleibe stehen, rieche die Luft, gucke, wie es rückwärts aussieht, wechsel zwischen Fernblick und Detailsicht, beobachte Patrick beim Gehen. Aktives Nichtstun, die Aufbruchstimmung verleiht mir geistige Flügel.

Der Weg ist lieblich und macht den Einstieg sehr leicht. Er schlängelt sich so durch die Felder, vorbei an Bauerhöfen. Mal hier ein kleiner Bach, mal dort eine Blumenwiese, die Apfelbäume tragen schwer an reifen Äpfeln, überall stapeln sich geerntete Heuballen und schließlich treffen wir zum ersten Mal auf den Ljungan-Fluss. Und ich sehe meinen ersten Fliegenpilz in freier Natur. Dann gibt es da noch Theo, von dem uns Emily erzählt hat. Er ist ein Mann über 80 und hat für uns Pilger eine Ruhebank aufgestellt. Es ist ihm eine besondere Passion, den Wanderern ein herzliches Willkommen zu bereiten und ihre Wasservorräte aufzufüllen. Angetroffen haben wir ihn leider nicht.

Nachmittags kommen wir an unserem ersten Hostel mit Blick auf den Ljungan-Fluss an. Es wird betrieben von Kaj Utter, einem Künstler und Weltenbummler im Rentenalter. Sein Domizil ist ein inspirierendes Sammelsurium an Gegenständen, Bildern und Selbstgebautem,- und geschnitztem. Es könnte mit seinen kreativen Wohnlösungen als Vorbild für Robinson Crusoe´s Zuhause gedient haben.

Ich bin erschöpft, richtig erschöpft. Körperlich ausgepowert. Ein herrliches Gefühl. Hatte ich schon lange nicht mehr. Wir könnten die Küche benutzen, aber das Restaurant in der Nähe ruft uns deutlich lauter zu sich.

Um 20.30h liegen wir im Bett. Um 23h bin ich allerdings schon voll ausgeruht und darf nun gucken, wie ich den Rest der Nacht verbringe. 

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Patrick

P: Ganz schön viel Gepäck

Es ist ungewohnt, um die 10 kg an Gepäck auf dem Rücken bzw. den Hüften herumzuschleppen. Aber die Kamera plus Drohne plus weiterem Geraffel, Wasser, Klamotten und Waschutensilien weigern sich standhaft selbst zu laufen. Wird schon gehen…

Die ersten beiden Kilometer verbringen wir auf einer wenig befahrenen Landstraße, die sich durch Wiesen und Felder schlängelt, danach biegt ein Pfad rechts ab und weiter geht es durch noch viel größere Wiesen und Felder, zwischendurch durch ein Waldgebiet. Ruhig ist es hier, richtig schön ruhig. Die einzigen vernehmbaren Geräusche stammen von kleinen Bächen oder Vögeln, von denen es hier jede Menge gibt: Wildgänse, Spatzen, Krähen, Greifvögel, alle da. Zwischendurch laufen wir an vereinzelten Höfen und Häusern vorbei, richtige Ortschaften gibt es nicht. Alles sehr beschaulich und idyllisch. Und so viel Platz überall. Halt Schweden (23 Einwohner/qm; zum Vergleich: Deutschland 233 Einwohner/qm, da weißte Bescheid). Ich konzentriere mich noch sehr auf mein Gepäck, meine Schuhe und wie sich mein Körper so anstellt beim Wandern. Das ist alles noch neu.

Als wir nach etwa 13 km in Matfors am Fluss Ljungan ankommen, unserem ersten Etappenziel, spüre ich meine Hüft- und Nackenmuskulatur deutlich mehr als ich mir wünsche. Aber irgendwie ist es auch ein tolles Gefühl, so einen schweren Büggel so weit geschleppt zu haben. Und das durch eine so schöne Gegend.

Wir finden unsere erste Unterkunft und checken bei Kaj ein, einem 67jährigen Maler, Holzfäller, Holzverarbeiter und nun Rentner, der sich am Rande von Matfors ein ziemlich cooles und uriges Holzhaus samt ebenso urigen angeschlossenen Gästezimmern gebaut hat und uns mit einem großen Glas Wasser und zwei super bequemen Sesseln in seinem Wohnzimmer empfängt. Wir erfahren, dass Kaj ein Fan von monatelangen Fahrradtouren und weiten Reisen ist und dass er sein Haus verkaufen möchte, um nochmal auf ganz große Tour zu gehen, bevor das vielleicht irgendwann nicht mehr möglich ist.

Ein wenig später fallen wir erst in unsere Stockbetten und dann ins Koma.

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2. Etappe: Matfors – Loböle, 15 km

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S: Es regnet. Herrlich.

Aber das fällt mir gar nicht als Erstes auf, sondern, dass ich mich normal bewegen kann. Ich habe mit einem Muskelkater gerechnet, welcher aber ausblieb. Dann erst registriere ich den starken Regen draußen. Während mich das Lieblingsthema der Deutschen, das Wetter, normalerweise langweilt, ist es diesmal ein wichtiger Bestandteil in der Kleidungsplanung.

Mit Regenhose, Regenjacke, Regenhaube für den Rucksack und Regenschutz für die Kamera verlassen wir Kaj Utter´s Hostel und brechen in den Tag auf. Wir frühstücken im Supermarkt „ICA“, denn dort gibt es wunderbar duftende Zimtschnecken und guten Kaffee. Es prasselt von oben herab, aber es stört mich nicht. Ich möchte gar nicht erst bewerten, ob er mich stört und stelle fest, wie sehr ich Regen damit plötzlich als etwas Schönes wahrnehme. Naja, wenigstens bis zum dem Punkt, als der Kaffee durchläuft und meine Blase drückt. Sich als Frau im Regen hinzuhocken ist irgendwie unwürdig. Schmerzlich vermisse ich meine Pipilotta, die ich doch extra für solche Fälle gekauft habe. Ich halte ein.

Um 12h wird das Wetter wieder trocken bei rund 20°C. Ich traue mich ins Gebüsch um endlich den Kaffee loszuwerden. Danach nehmen wir eine dieser überall von netten Menschen für Pilger aufgestellten Ruhebänke für unser Mittags-Picknick in Anspruch. Das ist eine schöne Geste, ich fühle mich damit willkommen. Und irgendwann gehen wir weiter. Die Beschilderung des St. Olavsleden ist wirklich sehr gut. Man mus sich schon anstrengen, um sich zu verlaufen.

So wirklich auf die Zeit achten tue ich nicht. Wenn ich das Gefühl habe, es ist Zeit zu gehen, dann ist es Zeit zu gehen. Es scheint ganz viel von ihr zu geben, wenn man sie nicht mehr beachten muss. Wieviele km wir schon gelaufen sind… wer weiß das schon so genau, und warum auch. Mein Lauftempo variiert gleichermaßen. Von gleichmäßig wandernd bis schlendernd, der Wegesrand ist viel zu schön, um ihn links liegen zu lassen. Genau deshalb biege ich einem Impuls folgend unvermittelt in einen Seitenweg ein und finde mich in einem regelrechten Paradies wieder. Eine Landzunge im Ljungan, überwachsen von einer Natur, wie ich sie mir üppiger nicht ausmalen kann. Hier möchte ich bleiben. Ganz lange. Und wenn wir nachts weiterwandern müssen.

Mit Sonnenuntergang ziehen wir schließlich weiter, nur um festzustellen, dass unsere nächste Unterkunft gerade mal ein paar Meter entfernt ist. Am späten Abend regnet es noch mal kurz und kräftig, während wir gemütlich in unserer roten schwedischen Hütte sitzen und die Lasagne unserer Gastgeber Camilla & Mikael aber sowas von mit gesegnetem Appetit verspeisen. Die heiße Dusche tut auch gut.

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P: Rechts geht´s lang

Im strömenden Regen schleppen wir uns zunächst in den ICA Supermarkt von Matfors, trinken den größten Kaffee, den man dort für Geld kaufen kann und essen Zimtschnecken, die eigentlich Vanillekipferl mit Kardamom sind (tja, unser Schwedisch ist noch ausbaufähig). Kaj´s Unterkunft war leider nur ein B und kein B&B, so dass wir zum Frühstück halt im ICA eingefallen sind (die ICA Supermärkte haben fast alle einen kleinen Kaffeebereich).

Der strömende Regen ist nach dem Frühstück immer noch da, aber wenigstens sind unsere Bäuche jetzt voll und warm. Wir talpsen aus Matfors raus, einen langgezogenen Hügel hoch durch Nadelwälder, immer weiter, über eine Mischung aus Asphaltstraße und Schotterpiste und zum ersten Mal empfinde ich ganz viel Ruhe. Mein Regenzeug kapselt mich ein und ich folge der Ruhe und dem mächtigen und wunderschönen Fluss Ljungan, der ab jetzt unser Begleiter sein wird. Einige Kilometer später (so ungefähr 14) reißt der Himmel auf und die Sonne lässt sich blicken.

Ungefähr zur selben Zeit besteht Sandra darauf, rechts in den unmittelbar dem Fluss angelagerten Wald abzubiegen. Sie ist auf der Suche nach fotogenen Steinen im Fluss, die ihr von unserer ersten Gastgeberin beschrieben worden waren. Erst weigere ich mich, weil ich meinen Rhythmus nicht unterbrechen will, aber hej, schon mal versucht Sandra vom rechts Abbiegen abzubringen?… nein… nicht schlimm, ist nämlich komplett zwecklos! Also rechts rein und schwupps, stehen wir auf der schönsten, bewaldeten und befelsten Mini Halbinsel in einem Fluss (bzw. Zwischensee, solche bildet der Ljungan immer wieder aus), die ich je gesehen habe. Idyllisch ist schon fast eine Untertreibung. Herrlich! Hier bleiben wir erst mal und halten unsere nassen Bäuche in die Sonne.

Später satteln wir… uns, und nehmen die letzten 4,5 km in Angriff, nur um dann festzustellen, dass unsere nächste Unterkunft schon 0,45 km später auf uns wartet. Eine nette Überraschung, denn die Aussicht auf 4,5 weitere km nach unserer langen Sonnenrast war eher mittelmäßig motivierend. Wir bekommen heute von unseren Hosts Mikael und Camilla eine ganze schwedische Holzhütte zur Verfügung gestellt, samt Veranda mit Hängematte, Hausstrand am See und Wohlfühlsofas und sowohl Abendessen als auch Frühstück für den nächsten Morgen stehen schon bereit. Jippieh!!

3. Etappe: Loböle – Ede, 20 km plus Umwege

S: Dies ist ein anderer Tag als die anderen.

Es ist der dritte Tag und ich bemerke einen Unterschied zu den beiden vorherigen. Bis Mittag noch bleibt es trocken, danach tauchen wir in Dauerregen bei 12°C ab.

Patrick und ich sind heute sehr still. Wir wandern getrennt voneinander. Er geht vorneweg, ich falle hinten ab. Mit jedem Schritt hole ich meine umherschweifenden Gedanken ein, bis wir im Gleichschritt sind. Ganz unbemerkt höre ich auf zu denken. Ich fühle mich leicht und angebunden, lausche den leisen Regungen in meinem Innern, bin wiedermal überrascht, wieviel Kommmunikation dort stattfindet. Das Wandern ergibt sich von selbst, ich bin irgendwo anders. Im Vergleich zum  heutigen Tag merke ich, wie sehr die ersten beiden Tage doch nötig waren, um anzukommen. Es scheint mir, als würde das Pilgern jetzt beginnen.

Mein Körper fühlt sich gut an, obwohl er ungewohnte Anstrengungen unternimmt. Aber dann erreicht es meine Wade. Sie versteift. Statt sie jedoch zu massieren, streichel ich sie ganz einfach und als wäre sie dankbar dafür, nicht mit Druckausübung bestraft zu werden, entspannt sie und ich kann normal weiterlaufen. Normal. Mir fällt auf, dass es wichtig ist, wirklich seine ganz normalen Bewegungen durchzuziehen und nicht in eine Art ausweichenden Schongang überzugehen. Der Körper wird zwar müde, aber er bleibt geschmeidig. Es hilft sehr, sich zwischendurch mal ordentlich locker zu schütteln.

Nachdem wir irgendwann trotz Regenkleidung dennoch durchnässen, suchen wir unseren zuverlässigen ICA für Zimtschnecken, Kaffee und diesmal auch etwas Wärme auf. Es liegen noch ein paar km vor uns. Sie führen vorbei an einer der markanten Pilgerstätten, der Kirche von Stöde. Hier hat einst Ingrid Bergmann geheiratet, doch hinein dürfen wir leider nicht. Es findet eine Beerdigung statt.

Die heutige Etappe ist die bislang längste. Dennoch begegnen wir keinem weiteren Pilger. Wohl aber einer Toilette für Pilger, und dafür bin ich bei dem Regen sehr dankbar. Ich fühle mich zufrieden und müde, die Etappe könnte jetzt gerne aufhören. Nachdem wir uns aber noch mal kurz verlaufen haben – unsere Unterkunft trägt denselben Namen wir ein Ort ganz woanders – erreichen wir Lindberga Gard. Wieder eine Hütte, beheizt, offen, nichts wie rein, Schuhe unter die Heizung gestellt, auf die Couch gesetzt und eingeschlafen.

Dann klopft es an der Tür. Es ist Annalena, unsere dynamische Gastgeberin irgendeines Alters. Es reicht ein Blick in ihre Augen, um zu wissen: wir können miteinander. Unsere Kommunikation beginnt damit, dass sie uns eigentlich vergessen hat und nun wissen will, was sie uns beim Take-away zu essen besorgen soll. Und eigentlich hat sie für sich auch noch nichts. Dann erzählt sie von einer geplanten Party in der Scheune, die sie gerade schmückt und in der sie vorhat, „hysterisch zu tanzen“. Ich könnte mich wegschmeißen bei dieser  Beschreibung. Sie ist Pferdeflüsterin mit eigenem Pferdehof, Therapeutin, Farmerin und ein ausgesprochen britisch-humorvoller Mensch. Wir werden für den morgigen Tag zur Party eingeladen. Allein, wir müssten zu Fuß kommen… ob das wohl nach der gelaufenen Etappe noch geht?

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P: 30 jecke Tänzer

20 km! Das ist die Strecke, die wir heute wandern werden. Meine rechte Achillessehne zieht ganz schön, die hat irgendwie zu viel Druck von meinem Schuh bekommen. Egal, wird sich schon warm laufen. Wir folgen weiterhin diesem wunderschönen, ruhigen Fluß-See-Fluß Ljungan auf demselben Weg, den wir gestern bereits 15 km lang bewandert haben. Der Regen ist nicht ganz so stark wie angekündigt… es regnet kein bisschen… also surfe ich in meinen Gedanken und Gefühlen dahin, bis… Sandra mir ins Ohr juchzt: „Da ist ein Klo für Pilger! Bin gleich wieder da!“ Ihr Gesichtsausdruck danach ist nicht ganz so strahlend wie der 3 Minuten zuvor. 2-3 Dutzend Fliegen weniger hätten es wohl auch getan 😊.

Und dann kommt der angekündigte Regen: heftig, dafür aber lang anhaltend. Er begleitet uns bis in den Nachmittag hinein. Zwischenzeitlich flüchten wir uns in einen – jap, ICA – trinken Kaffee und besorgen uns dort endlich die richtigen Zimtschnecken. Lecker! Danach ist auch der Regen egal. In Stöde besuchen wir die dortige, sehr hübsche und friedvolle Kirche, besorgen uns einen Pilgerstempel (wir werden langsam zu veritablen Stempeljägern) und lassen uns, umgeben von wohlriechender kirchlicher Ruhe, trocknen.

Die letzten 5 km ziehen sich dann doch etwas hin, vor allem weil es eigentlich knapp 9 km sind, denn unsere heutige Unterkunft (Lindberga Gard) ist zweimal bei Google Maps verzeichnet. Beim ersten Treffer stehen wir vor einer Fabrik (nööö), das zweite Mal stehen wir inmitten einer kleinen Farm im Nirgendwo und bekommen wieder unser eigenes kleines Schwedenhäuschen. Obwohl: Es ist eigentlich niemand da, wir bekommen also erst mal nichts. Aber eines der Häuschen ist unverschlossen, es brennt Licht und es gibt ein Stockbett im Wohnzimmer, das nicht bezogen ist. Also rein da, wird schon das Gästehäuschen sein, und es regnet ja schließlich immer noch.

Und dann kommt Annalena. Eine ruhige Urgewalt von einer schwedischen Pferde-Farmerin, Heilerin, Denkerin. Nachdem Sie uns in Ruhe gescannt hat, berichtet sie von einer Party, die morgen Abend in einer offenen Scheune unten am See stattfinden und auf der sie und 30 andere Jecken Musik machen und hysterisch tanzen wollen und lädt uns spontan ein. Anschließend besorgt uns Annalena Burger und Bier zum Abendessen in einem nahe gelegenen Restaurant. Perfekt! Mit vollen Bäuchen und glücklich schlafen wir ein.

Nachtrag: Um nichts in der Welt hätten wir die letzten knapp 4 km zwischen Lindberga Gard und Lindberga Gard verpassen wollen. Es ging durch einen wunderschönen Märchenwald mit verwunschenen Pfaden, 1.000 Arten von Pilzen, weichestem Waldboden, dicht und urig, ein Wandertraum.

Bonne nuit!

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4. Etappe: Ede – Rombäck, 14 km

S: Das ist heute wichtiger

Theoretisch sind wir wieder früh wach, aber aufbrechen wollen wir dennoch nicht. Stattdessen laden wir Annalena spontan zum Frühstück ein. D.h., sie kommt mit dem ganzen guten Frühstück zu uns rüber und wir schlemmen zusammen. Es gibt nämlich viel zu reden. Viel Persönliches, Vertrauliches, Erbauliches, Erhebendes. Fremd sind wir uns nicht, obwohl wir die Erfahrung gemacht haben, dass sich die Schweden erst mal Zeit lassen, bevor sie sich Fremden gegenüber öffnen. Dann jedoch sind sie sehr herzlich. Diese Phase haben wir übersprungen.

Während wir heute bei trockenem Wetter abermals durch wunderschöne Landschaften wandern, hallt das Gespräch mit Annalena in mir nach. Ich bin bis zum Anschlag inspiriert und hätte unser Gespräch gerne fortgesetzt. Stattdessen setzen wir unsere Wanderung fort und weil Patrick und ich wieder nebeneinander gehen, kann ich nicht ganz so ungestört abtauchen. Es liegt nicht an ihm, ich bekomme nur leider so viel von der Energie der Menschen in meiner direkten Nähe mit, dass es mich ablenkt. Ich muss mich buchstäblich zusammennehmen, um mich nicht zu verlieren. Ich glaube, wäre ich auf der Suche nach existentiellen Antworten, würde ich eher alleine pilgern.

Unterwegs macht uns ein „gezacktes“ Gebäude neugierig, das sich als „Boda Borg“ erweist, einer Art Rätsel- und Activity Haus, das demnächst auch nach Deutschland kommen soll. Wir werden von einem sehr verbindlichen Mann zu einem Testlauf eingeladen und ich entwickle eine Heidenlust, mich wieder als Kind zu fühlen. Denn spielerisch, ungezwungen und intuitiv bewältigt man die Aufgaben eindeutig am besten. Ich treffe eine Entscheidung: ich werde aufhören, erwachsen zu sein. Und ich werde in Deutschland nach diesem Ding Ausschau halten.

Irgendwie ist der Weg heute Nebensache, obwohl er, vorbei an Bahngleisen und etlichen schönen Dörfern, wirklich beachtenswert ist. Aber beachtenswert sind auch die Gedanken, die Patrick und ich austauschen. Und es gibt eine beachtenswerte Begegnung mit einer großen Herde Kühe, die plötzlich zusammenläuft und sich vor mir aufstellt, als ich anfange eine Melodie zu summen. Der Bulle kommt, um regelrecht zu gucken, ob alles in Ordnung ist. Er stiert mich an, dreht sich dann um und lässt die Kühe bei mir. Als ich weitergehe, folgt mir die ganze Herde den langen Weg hinab bis zum Ende des Zauns. Es mag vielleicht schräg klingen, aber ich habe hier einige wirklich ungewöhnliche Erlebnisse mit Tieren.

Viel schneller als erwartet, taucht unsere nächste Herberge auf. Es ist diesmal ein Campingplatz und wieder mal werden wir derart humorvoll-herzlich empfangen, dass die wohlige Hütte am See nur die visuelle Umsetzung dieser Grundhaltung ist.

 

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P: Philosophie im schönen Örtchen

Morgens bringt uns Annalena Frühstück vorbei, ein sehr amtliches schwedisches Frühstück mit Eiern, Fischrogen aus der Tube und allem drum und dran. Wir laden Sie in ihr eigenes Häuschen zu Ihrem eigenen Frühstück ein. Und dann führen wir eines dieser inspirierenden Gespräche mit einem Menschen, der einfach schon eine ganze Menge erlebt hat und der sich einige Gedanken und Gefühle zu dem Erlebten gemacht hat. Es ist eines dieser Gespräche, die bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen, im Verlauf derer man einfach ein kleines Stückchen weiser wird, weiter kommt, ohne zu wandern. Und es wird nicht das letzte Gespräch dieser Art auf dem Olavsleden gewesen sein.

Beseelt machen wir uns auf den Weg. Ich hänge dem Gespräch mit Annalena nach, die hügelige Gras- und Waldlandschaft gleitet an mir vorbei, ich fühle mich einfach gut. Sandra ist auf einmal gar nicht mehr gut gefusselt. Da ich allerdings keinen Griff daran kriege, welche Laus (ich vielleicht sogar?) sie belästigt hat, halte ich lieber Abstand und warte ab, bis sie sich wieder wärmer anfühlt. Das passiert dann mittags, als wir den Urvater aller Escape Rooms finden, das Boda Borg Haus, das ursprünglich ein Arbeitsbeschaffungsprojekt vier arbeitsloser Schweden war, und in dessen mehr als 100 Zimmern man körperliche und geistige Herausforderungen bestehen muss, um in das nächste Zimmer und am Ende ans Ziel zu gelangen. Nach drei, vier solcher Zimmer zaubert sich ein Lächeln zurück in Sandras Gesicht… besser ist das. Heute gibt es Boda Borg Häuser sogar in den USA. Ein ziemlich erfolgreiches Arbeitsbeschaffungsprojekt!

Hinter dem Städtchen Torpshammar laufen wir durch eines der wohl schönsten und idyllischst gelegenen namenlosen Örtchen der Welt, von dem es leider keine Fotos gibt, weil Sandra und ich total in einen Philosophieflash zum Thema Gott & die Welt mit Schwerpunkt Liebe & Angst geraten sind… manchmal gibt es halt keine Fotos vom schönsten namenlosen Örtchen der Welt.

Beinahe aus dem Nichts stehen wir dann plötzlich vor unserer nächsten Unterkunft, dem Mid Adventure Campingplatz. Und der Name ist offensichtlich Programm. Es gibt dort einen Kletterpark, man kann Kanu fahren, Paintball spielen oder auf einer Riesenrutsche in den Badesee schliddern. Für verhärtete Wandermuskeln gibt es eine echt schöne Sauna direkt am Ljungan und für alle gibt es frisch gebackene Pizza aus dem Steinofen zum Abendessen… herrlich!

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5. Etappe: Rombäck – Hussborg, 14 km

S: Pause bitte.

Ich habe heute keine Lust zu wandern. Mein Körper braucht eine Pause. Ich auch. Wir haben in den wenigen Tagen schon so viel erlebt, dass ich es erst verarbeiten möchte. Da kommt es mir gerade recht, dass der Campingplatz doch tatsächlich eine Sauna hat. Und das auch noch so idyllisch am See gelegen. Für uns ganz alleine. Ich nehme mir heute morgen viel Zeit für mich. Und obwohl es anfängt zu regnen, zieht es mich nach dem Saunagang nach draußen und ich bleibe bestimmt 1/4 Stunde einfach da stehen und sauge mit allen Sinnen Leben in mich auf. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so intensiv empfunden habe.

Beim Abschiednehmen kommt es noch mal zu einem sehr herzlichen Austausch zwischen den Campingplatzbetreibern Gunilla (die immer Lachende), Dan (dessen 14-jähriger Sohn deutsch lernt) Lovisa (die Strahlende) – und uns. Es hat in der Nacht wohl auch Polarlichter gegeben – in rot, doch die haben wir verpasst, so schnell, wie wir immer einschlafen.

Und weiter geht´s. Heute ist wieder ein Regentag. Macht aber überhaupt nichts. In mir ist ganz viel Sonne, das soll reichen. Das Wandern fühlt sich abermals anders an als sonst. Interessant, wie sich das Denken und Fühlen verändert. Das physische Wandern wird immer mehr eine Art rhytmische Voraussetzung, damit der Kopf frei wird um Geist & Seele Raum zu geben. Die drei vereinen sich zu einem Dreiklanges klingt harmonisch. Die Last auf dem Rücken gehört für mich auch dazu, es macht die Schritte „gesetzter“. Plötzlich stellt sich eine Lust am Wandern zum Selbstzweck ein, ich könnte jetzt einfach nach Trondheim durchgehen. Übrigens: heute treffen wir die ersten zwei Pilger, die nicht wir sind.

Eine weitere Beobachtung macht mich glücklich: mein Appetit ist zurück! Was kann ich auf einmal wieder mit LUST essen. Ich habe Hunger wie ein Berserker, stürze mich auf Süßes, freue mich auf das Essen am Abend. Und: ich habe trotzdem sogar abgenommen. Zuhause verbringe ich viel Zeit mit Bildbearbeitung am Rechner. Ich verbrauche so gut wie gar nichts, warum soll ich dann essen? Das macht keinen Spaß. Also verstehe ich etwas neues Wichtiges: körperliche Anstrengung macht mich glücklich. Ich werde etwas an meinem Lebensstil ändern, und damit ist nicht Fitnessclub gemeint.

Unser nächster Stop ist der Besuch einer hübschen kleinen Kirche, in der es eine Steinfigur von König Olav gibt. In ihr halten wir uns lange auf. Die Ruhe dort ist schön.

Die Landschaft wird immer üppiger, ich liebe es. Eine wunderschöne Seite Schwedens, in der ich mich zuhause fühle. Ausnahmsweise finde ich es schade, dass es regnet, denn der Regen verschleiert etwas von der großen verwunschenen Magie des berühmten „Liebesweg“. Doch wozu habe ich meine Phantasie.

Diese unsere vorletzte Etappe endet in der rustikalsten Herberge unserer Reise: einem eher lieblosen Hostelzimmer im Golfclub. Das Essen haben wir haarscharf verpasst, es geht also hungrig ins Bett. Schade eigentlich, wo ich doch gerade meinen Appetit wiedergefunden habe.

P: Mittendrin

Am nächsten Morgen lassen wir es uns nicht nehmen wenigstens einen Saunagang in der Instagram-Sauna am Fluss zu machen. Aufgeheizt sitze ich danach am Ljungan, stecke die Beine ins eiskalte Wasser, spüre den kühlen Regen auf der Haut und auf dem Kopf, sehe den Abermillionen Wassertropfen zu, wie sie völlig gleichberechtigt eine riesiges Wellennetz über den Fluss spannen und spüre Frieden.

Später unterhalten wir uns noch mit den – wen wundert es – mal wieder super netten – Betreibern des Campingplatzes, Dan, Lovisa und der immer lachenden und lächelnde Gunilla . Die Menschen hier in Schweden wachsen uns wirklich ans Herz. Sie neigen nicht zu spontanen Gefühlsausbrüchen, wenn plötzlich Fremde vor ihnen stehen. Vielmehr wird man erst einmal in aller Ruhe (im besten Sinne des Wortes) gemustert und beobachtet. Wenn dann aber beschieden wird, dass wohl alles im grünen Bereich sei, sind die Menschen hier von einer sanften Wärme, Freundlichkeit und inspirierenden Offenheit, die ihresgleichen sucht. Wir fühlen uns pudelwohl in diesem Land, in dem es so herrlich viel Platz für alle gibt und das die Menschen in dieser Gegend offensichtlich zu sehr entspannten Vertretern unserer Spezies macht.

Und dann geht es wieder los (literally) und ich habe das Gefühl, dass ich langsam so richtig auf den Weg komme.

Heute geht es über 14 km von Rombäck nach Hussborg. Auf halbem Wege treffen wir, direkt am See, den der Ljungan in Fränsta wieder ausbildet, auf die wunderschöne kleine Torps Kirche, die eine Statue des heiligen Olav beherbergt. Unmittelbar nach der Kirche beginnt dann einer der allerschönsten Abschnitte unserer Wanderung, der Kyrkstigen (Liebesweg), ein schmaler Pfad durch den Wald entlängs des Ljungan, der seinem Namen aufgrund seiner lieblichen Schönheit alle Ehre macht. Ja, hört sich kittschig an, ist der Weg aber auch 😊. Irgendwann verläuft sich der Pfad im Nichts und man muss sich durch riesige Wiesen (was genau so wunderschön ist) bis zur wieder befestigten Strecke durchschlagen.

Bleibt noch zu erwähnen, dass wir auf dieser Etappe auch noch die ziemlich imposante, wohl längste Holzbrücke Schwedens zu sehen bekommen.

Abends sind wir in einem Nebengebäude zu einem Golfhotel untergebracht, das bei der Instandhaltung und Pflege vergessen worden zu sein scheint, zumindest im Inneren. Aber egal, Hauptsache, wir können das schmerzende Fahrgestell in die Horizontale bringen.

6. Etappe: Hussborg – Borgsjö, 14 km

S: Stürmisch und heiter

Ja, was soll ich denn heute anziehen? Die Sonne scheint, aber es ist windig und kühl. Ich entscheide mich für nackte Beine und warme Jacke. Mit Windblocker.

So lieblos das Zimmer war, so prunkvoll fällt das Frühstück aus. Das nutzen wir zu unserem Vorteil, bevor wir uns in den Sturm werfen. Ich liebe dieses Wetter: Sonnenlicht und Windböen. Ich fühle mich lebendig und das alte Gefühl von Abenteuer meldet sich zurück. Mit großer Sympathie beobachte ich schwere Holztransporter, die von filigranen Mädchen gefahren werden und denke: das wäre auch was für mich. Diese PS-Kraft unterm Hintern zu spüren muss großartig sein.

Dieser Gedanke leitet nahtlos in eine weitere Betrachtung über, nämlich, dass die Vorstellung vom Pilgern und die Realität des Pilgerns ein völlig verschiedenes Paar Wanderschuhe ist. Kein Bild der Welt, keine Beschreibung, keine Visualisierung ersetzt das echte Er-Leben.

Das merke ich auch am Beispiel Straßencafés: ich kann sie mir noch so gut vorstellen, aber in diesem Teil von Schweden gibt es sie einfach nicht.

Unser letzter Weg nach Etappenende führt zur Olav-Quelle. Was eine mehrdeutige Beschreibung. Noch einmal wandern wir durch dichte und lichte Wälder, bevor wir bei unserem letzten Herbergs-Highlight eintreffen: in Mitt Musteri, der Apfelfarm bei Eva und Pontus Andersson. Nach einer Führung übers Gelände und durch das wiederaufgebaute Elternhaus von Pontus, sitzen wir zusammen beim Abendessen aus dem Garten und landen – drei-zwei-eins – direkt im Eingemachten vertraulicher Gespräche. Langsam gewöhnen wir uns daran, hier Menschen zu treffen, die zu uns passen. Und mit Evas E-Roller dürfen wir auch noch über die Halbinsel düsen.

P: Die Mission

Dafür entschädigt am nächsten Morgen das Frühstück im Haupthaus des Hotels. Jede Menge Leckereien im feudalen Frühstückssaal. Wir schlagen uns – mal wieder – die Bäuche voll und machen uns auf unsere letzte Etappe.

Heute geht es in etwa bis Borgsjö. In etwa, weil wir tatsächlich noch einige Kilometer weiterlaufen, um auf jeden Fall noch die berühmteste Olav-Quelle des gesamten Olavsleden zu besuchen, die mitten im Wald liegt. Die Mehrkilometer lohnen sich! Sie gehören auf jeden Fall zu den spektakulärsten unserer Tour. Der Weg schlängelt sich durch einen imposanten Wald, man fühlt sich wirklich abgekoppelt von der Außenwelt, ein richtiger Märchenwald und zwischendurch halte ich meinen geschundenen rechten Fuß in einen kleinen wilden Bach, dessen Wassertemperatur Eisbären anlocken könnte.

In aller Ruhe floaten wir durch die letzten Kilometer und gelangen schließlich zu unserer letzten Unterkunft, „Mitt Musteri“, einer Apfelsaftfarm an den Ufern des Sees Borgsjön, die ein wunderschöne Gästehaus im Stil einer Landhausvilla beherbergt. Unser Zimmer ist einfach nur total geschmackvoll und schön eingerichtet, so wie das ganze Haus, das darüber hinaus noch eine ganze Reihe von Bildern der bisherigen Bewohnergenerationen beherbergt. Spannend!

Die Gastgeber, Eva und Pontus, laden uns zum Abendessen ein und so sitzen wir dann zusammen im Esszimmer des Gasthauses bei einem Topf Nudeln mit Garnelen, Salat und selbst angebautem Grünkohl, killen eine Flasche Weißwein und kommen ins Gespräch. Erstaunlicherweise nicht alle miteinander, sondern parallel. Sandra unterhält sich mit Eva und ich versinke mit Pontus aus dem Nichts in einen so tiefen und offenen Austausch über eine Reihe von essentiellen Lebensfragen, dass ich noch heute überzeugt bin, dass wir beide uns auf jeden Fall treffen sollten!

Mitgenommen habe ich aus diesem Gespräch vor allem, dass man vielleicht nicht die ganz Zeit über verkrampft nach der eigenen Bestimmung suchen muss, dass es vielleicht viel wichtiger ist, einfach durch die Tür zu gehen, wenn sich eine gute öffnet, was irgendwann zwangsläufig passiert 😉.

Pontus jedenfalls hat seine Mission mit Mitte 50 gefunden: den Wiederaufbau des Anwesens seiner Vorfahren (check), die Errichtung einer Apfelsaftkelterei (die von Eva geleitet wird, check) und die Wiederbelebung der Region, die in den letzten Jahrzehnten viele junge Menschen verloren hat, jedoch über riesige Ressourcen (z.B. viel Sonne, herrliches Wasser und guten Boden) verfügt und daher jede Menge Potenzial hat, vielen Menschen eine autarke und selbstversorgende Heimat zu bieten.

Einfach richtig tolle Leute, die beiden. Menschen, die einen wieder ein Stückchen weiter bringen auf dem eigenen Weg…

Epilog

  • im Anblick von Schönheit

S: Wo du bist ist nicht egal

Lange Jahre habe ich mich gefragt, wie ich Schönheit „verpacken“ soll. Sei es Natur, sei es ein Gegenstand, sei es ein schöner Stoff. Ich wusste nicht, wohin mit ihr. Ich hielt sie kaum aus, ich drängte sie mehr oder minder in den mentalen Bereich zurück. Doch auf dieser Wanderung gab es ein Erlebnis, das den Knoten löste. Ich stehe am See, sehe die Schönheit der schwedischen Landschaft vor mir, „leide“ wieder kurz, doch dann will ich nicht mehr einfach vor ihr stehen, ich spüre, wie mein Herz aufgeht und alle Schönheit ungefiltert in mich eindringt. Die schiere Größe der Schönheit wird mir gewahr und die Angst, evtl. platzen zu müssen, verwandelt sich in ein Flugerlebnis, in dem ich die Welt von oben sehe und Wärme und Verstehen in alle Bereiche dringt, denen ich meine Aufmerksamkeit zukommen lasse. Ich bin erfüllt von grenzenloser Dankbarkeit für alles was ist.

Damit habe ich die Wanderung wohl in eine Pilgererfahrung verwandelt. Sie ist frei von der zwingenden Notwendigkeit religiöser Ansätze, sie ist jedermensch zugänglich. Alles, was es braucht, ist nur ein offenes Ohr nach innen.

  • 6. Etappe Hussborg-Borgsjö, im Rückblick

P: Der nächste Tag

…Unsere erste Pilgerreise ist nun vorbei. Eva fährt uns noch zum Bahnhof (meine rechte Achillessehne ist mittlerweile komplett ramponiert vom Druck meiner zu harten Fersenkappe), nimmt uns nochmal feste in den Arm und schon sitzen wir im Zug, der uns zurück nach Selanger bringt.

…was für eine beseelende Tour!!!

Eins muss ich noch loswerden: Es war ja das erste Mal, dass ich sechs Tage am Stück immer weitergewandert bin und dann auch noch über solch einen geschichtsträchtigen, mit wunderschöner Natur gesäumten Weg. Das macht was mit einem, auch ohne, dass man sich tage- oder wochenlang darauf einstimmt oder sich zu irgendetwas zwingen muss. Dieser Weg hat mich in der kurzen Zeit, während der wir unterwegs waren, alle meine Gefühlszustände im Zeitraffer durchlaufen lassen: Ruhe, Frieden, Sorgen, Freundschaft, Wut, Schmerzen, Liebe, das ganze Programm.

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus diesem Erlebnis: dass man mal wieder so richtig eine Nase an sich und seine Seele bekommt, sich mit sich selbst beschäftigen muss und das dann auch tut. Ich habe es genossen! Und ganz nebenbei streckt eine solche Tour die Zeit! Herrlich!

Fazit: Ganz sicher wieder!

Tipp 1: Seid offen für die Menschen am Wegesrand. Der Austausch ist oft unbezahlbar.
Tipp 2: Achtet darauf, dass Ihr die richtigen Schuhe an den Füßen tragt 😉.

Good to know

Infos: Sämtliche Infos zum St. Olavsleden inkl. Etappen und Unterkünften gibt es hier: www.stolavsleden.de

Navi: folgt den Schildern – sie sind idiotensicher, oder verschafft Euch eine Übersicht der Wegstrecke: https://stolavsleden.com/maps/

Kleidung: Weil das Wetter sehr wechselhaft sein kann, empfehlen wir funktionelle Kleidung in mehreren Schichten. Gut eingelaufene Wanderschuhe sind wirklich wichtig.

Netz: überall lückenlos vorhanden

Wetter: Der schwedische Wetterdienst SMHI kennt sich mit detaillierten Wettervorhersagen bestens aus.

Buchtipp: St. Olavsleden von Selånger nach Trondheim, Conrad Stein Verlag, Andrea Susanne Opielka 2020

Aktuelle Reiseinformationen zum Thema COVID-19 gibt das Auswärtige Amt.

 Reisezeit: idealerweise September

  • der Weg gehört Euch, wir haben gerade mal 2 weitere Pilger getroffen
  • die Herbstfarben in einem Land mit vielen Wäldern, …
  • es gibt kein Mückenproblem mehr, wir sind nicht ein einziges Mal gestochen worden
  • Der schwedische Septemberregen geht nie über mehrere Tage hinweg sondern hält immer nur einen Tag und dann ist wieder gut

Packliste

Sandra´s real benötigte Packliste für 6 Tage, die Stück für Stück genutzt wurde

Wanderbedarf

  • 1 Paar Wanderschuhe, Hanwag
  • 1 Regenjacke, Gonso
  • 1 Regenhose, Vaudé
  • 1 Windjacke, Vaudé
  • 1 Paar Regengamaschen für die Wanderschuhe, falls sie nicht wasserdicht sein sollten
  • 1 Zip-off Hose, Fjällräven
  • 2 Thermo-Longsleeves, Odlo
  • 2 Funktions-T-Shirts, Tschibo
  • 1 BH
  • 2 Paar Wandersocken, Falke
  • 3 Unterhosen
  • Hygienebeutel mit Zahnbürste, Zahnpasta, Creme, Slipeinlagen, Bürste, Waschzeug

Wechselklamotten, Prinzip: raus aus dem Wanderkram

  • 1 leichte Wechselhose für abends
  • 1 Wechsel-T-Shirt
  • 1 Kapuzenjacke
  • 1 Paar leichte Sneaker
  • 1 Paar normale Socken

Sonstiges

  • 1 Notizbuch, A5 & Stift
  • kleine Kamera & Akkus & Ladestation
  • Regenschutz für Kamera
  • Sonnenbrille
  • Ladekabel
  • Handy
  • Pflaster
  • Wundsalbe
  • Buch
  • Kreditkarte  und EC-Karte (es wird alles bargeldlos bezahlt)
  • Corona-Impfnachweis
  • Magnesium
  • Thermobecher (wenn man Kaffee-to-go-all-day liebt)

Nützlich sind: Packing Cubes oder Gefrierbeutel, um etwas Übersicht im Rucksack zu behalten

Was Frau dringend einpacken sollte: eine Pipilotta

was wir nicht brauchten: Handtücher, Authan

nicht zu empfehlen: Tops ohne Ärmel, weil sonst die Oberarme an den Bändern des Rucksacks aufreiben (oder aber eben Mullverband einpacken)

6 Kommentare
  1. MD
    MD sagte:

    Was für unfassbar schöne Bilder, was für ein toller Bericht!! Gratuliere Euch! Eine beneidenswerte Erfahrung. Es ist immer wieder faszinierend was ihr für einen Blick für eine Stimmung oder besonderen Moment habt. Besser kann man das nicht in Bilder umsetzen. Genial!!!

    Antworten
  2. Susanne
    Susanne sagte:

    Ich möchte AUCH dahin!!!!!!!!!
    Also, man merkt ihr seid Profi Fotografen und könnt die Landschaft toll in Szene setzen, aber das Motiv muss es auch hergeben. Also glaube ich, es ist wirklich so schön dort. Am wichtigsten für mich ist jedoch, dass ich spüre mit welch offenem Geist und liebendem Herz diese Fotos aufgenommen wurden. Die Beschreibungen unterstützen diesen Eindruck und man hat fast das Gefühl dabei zu sein. Danke, dass ihr uns an eurem Abenteuer teilhaben lasst und für die sehr praktischen Tipps.
    Freue mich schon auf eure nächste Tour.
    Alles Gute, Susanne

    Antworten
    • Sandra
      Sandra sagte:

      Liebe Susanne, hab so vielen Dank für Deinen Kommentar. Es freut uns mächtig zu hören, wie der Bericht bei Dir angekommen ist. Und wenn es schon solche Freude bei Dir auslöst… na, dann werden wir mit Freuden einfach immer weiter berichten :).

      Antworten

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