Nun mal langsam

Wieviel Programm verträgt ein Tag?

Och, das geht von – bis. Wenn ich gut drauf bin, bin ich eine Hochleistungsmaschine mit Effizienzklasse 100. Man vergab mir schon den Titel „die Maschine“ und das erzähle ich nicht ohne Stolz.

Als Jugendliche wollte ich mir selbst (wirklich nur mir selbst?) beweisen, wie leistungsfähig ich bin. Weil mein Kopf dazu unaufhörlich Ideen produziert, gingen mir nie die Aktivitäten aus. Als Erwachsene wurde es dann herausfordernd,  Familie, Selbstständigkeit, Bestandspflege… und immer weiter diese Ideen, die raus wollen.

Schließlich setzte mir das Leben einen vor den Bug, ich kämpfte um mein wirtschaftliches Überleben, während die sonstigen Herausforderungen ungebremst weiterliefen. Es ist erstaunlich, was ich alles auf die Kette bekomme – erst recht, wenn ich muss.

Doch an der Stelle muss ich die hübsche deutsche Leistungsgeschichte kurz unterbrechen. Wusstet Ihr, dass alles einen Preis hat? Rabattaktionen, die nicht irgendwo irgendwen etwas kosten, gibt es nicht.

Nein, denkt jetzt nicht gleich an Entgleisungen oder klassische Verschleißteil-Sinnbilder.

In Wahrheit ist es viel schlimmer: man fängt an, für das Ende der To-Do-Liste zu leben. Jener tückischen Liste, an deren Ende sich sofort etwas Neues setzt, sobald man vorne etwas weggeschafft hat. Dazu allerdings fällt mir spontan dann doch ein passendes Sinnbild ein, das mit der Möhre, der genau welches Tier hinterherläuft? Richtig, der Esel.

Weil Esel aber nicht dumm sind, zumindest nicht lange genug, fällt ihm irgendwann auf, dass man zwar super leistet, es einem aber gar keine rechte Freude mehr macht, weil: keine Zeit, muss weiter…

Dann frage ich mich jedoch: wozu mache ich den ganzen Kladeradatsch, wenn nicht für die Freude am Tun? Tun und Geld verdienen gehen in meiner Vorstellung Hand in Hand. Tut es das nicht, tu ich was anderes.

Oder… mache endlich mal langsam. Wenn etwas schon auf meiner To-Do-Liste steht, muss es einen guten Grund dafür geben, also erfüllt es die Kriterien, mich ihm mit voller Aufmerksamkeit zuzuwenden. Selbst wenn es die lästige Steuererklärung ist, die ihre Daseinsberechtigung dadurch erfährt, dass ich arbeiten darf, was ich will. Wieviel Spaß die Dinge auf einmal machen, wenn man nicht dauernd den Hetze-Teufel im Nacken hat? Lustigerweise schafft man damit sogar richtig was weg. Das nennt man dann einen Heidenspaß!

Wird man trotzdem nicht fertig in den wichtigen Dingen, gibt es nur eins: halblang machen. Genau, lass was weg. Nein, nicht die Kinderbetreuung, nicht die Einkommensquelle und auch nicht die Freunde, aber vielleicht den überzogenen Perfektionismus. Oder den sterilen Hausputz. Oder die Beantwortung der drisseligen Whatsapps. Es ist ganz einfach: was vorne auf der Prioritätenliste steht, wird in allen Ehren ausgeführt, und alles, was dahinter kommt, darf schon mal ausgelassen werden. MUSS ausgelassen werden. Sonst bezahlst du einen Preis, der an Wucher erinnert: du bezahlst mit Deiner Lebensfreude.

Ist man bereits in die Möhrenfalle getappt, ich tappe andauernd rein, handhabe ich es wie folgt: alles, was ich tue, tue ich l-a-n-g-s-a-m. Ich bummel zum Auto, ich mache Mittagspause nur mit meinem Teller und mir, bis ich wieder bei mir bin. Sandra, bist du da? Ja, bin hier. Ok, dann lass uns losgehen… aber schön zusammen bleiben.

Tja, das ist denn auch der Grund für diesen Artikel: ich muss es mir aufschreiben, sonst vergesse ich es wieder.  Und dann wache ich eines Tages auf, bin 90 und wollte doch noch… genießen.


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