2.000 km Fahrrad fahren: warum?

Tja, eine gute Frage, warten wir mal die Antwort ab. Denn ich langweile mich zutiefst beim Radfahren. Ich kämpfe mit jeder Umdrehung, weil sie mich vom Absteigen abhält.

Von Hause aus bin ich ein Fuß-Gänger. Zu Fuß schalte ich in den Stand-by-Modus und bleibe dabei langsam genug, um niemandem zur Gefahr zu werden. Ich kann in aller Ruhe meinen Gedanken nachhängen. Beim Fahrradfahren dagegen muss ich aufmerksam bleiben, sonst fahre ich wer weiß wo gegen und wer weiß wo hin. Von wegen schön Landschaft genießen und dabei Strecke machen.

Für mehr als zum Freibad fahren hat es für mich also nie gereicht. Außerdem: wie bescheuert bitte sieht man in den Radfahrklamotten aus.

Patrick ist da anders. Er ist von Natur aus Radfahrer und hat es sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet mich ans Radfahren zu kriegen. Was für eine absurde Idee! Die Wahrheit ist: er träumt mit offenen Augen von Radweltreisen und damit ich in seinen Traum einsteige, verkauft er mir eine abenteuerliche Theorie: nicht ich sondern mein Fahrrad trägt Schuld an meiner Unlust.

Wie ein Mantra wiederholt er über Monate: „Dein Fahrrad ist schlecht, dein Fahrrad arbeitet gegen dich.“

Und wie um dieser plakativen Gehirnwäsche greifbares Gewicht zu verleihen fängt er an, sich ein Tourenrad der Extraklasse zusammenzustellen. Jede Entscheidung für dieses und gegen jenes wird mir, dem unaufmerksamen Zuhörer, erklärt.

Er bespricht die Eigenschaften einer Kettenschaltung im Vergleich zu einer Nabenschaltung (wenn man sich auf Weltreise befindet – ja, er träumt immer noch), referiert über richtige Sattelhöhen, demonstriert mir die Funktionsweise von Ritzel, lässt mich auf Ballonreifen Probefahren, nur um mir zu zeigen, wie mühelos sie über Gelände gleiten. Er erörtert die Wahl des Rahmenmaterials während er mir die Wahl der Farbe überlässt.

Und da kapiere ich: er redet von MEINEM Rad…!

Da döse ich Monate lang durch seine Vorträge, nicke alles ab, sage brav, dass es bestimmt Spaß mache, damit zu fahren (um meine Ruhe zu haben) und stelle fest, ich habe mich schon viel zu weit reinreiten lassen, als dass ich sein Projekt noch guten Gewissens abblasen könnte.

Aber so richtig wache ich erst auf, als ich den Preis höre, den ich dafür zu bezahlen hätte: runde 2.000 €. Für ein FAHRRAD? Und was hat es noch mal mit dem Brooks-Sattel auf sich? Aus Leder, aha, passt sich an dem Popo an… nach mind. 800 km Einfahrzeit. 800 km… Bis zum jetzigen Zeitpunkt bin ich 30 fluchende km mit dem Rad gefahren, 800 km klingen nach einer Idee aus dem Drogen-Background.

Tja, und jetzt habe ich dieses Rad und den tröstenden Gedanken: zur Not kann man es ja wieder verkaufen.

Das war vorher. Ein Blick auf den Radcomputer: 2.000 km in 1,5 Jahren. Darin enthalten sind Touren an der Elbe entlang, die Tour de Fries, die Venn-Radbahn und eine Eifel-Rampentour zum Trainieren von Anstiegen. Inzwischen fahre ich Höchstgeschwindigkeiten von 50km und bleibe geduldig im 1. Gang bei Rampen über mehrere Kilometer.

Wenn ich kämpfe, dann nur noch mit der zu kurzen Zeit, die einem zur Verfügung steht, wenn man eigentlich einfach immer weiter fahren möchte, bis nach Finnland z.B. und darüber hinaus. Im Gleichklang mit den regelmäßigen Umdrehungen der Reifen, wum-wum-wum, den Kopf frei, die Gedanken leicht.

Ich muss leider zugeben: Ja, es lag am Rad.

PS: und wieder ja, ich trage inzwischen auch die völlig lächerliche Radfahrkleidung, weil: sie macht irgendwie Sinn…

 


 

 


 

 


 

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